Ex Oriente lux? – ein Resümée
Am 29. Juni 2003 wurde in Aachen die bisher umfangreichste historische Ausstellung der Stadt eröffnet: im Aachener Rathaus, im Kreuzgang und im Oktogon des Domes, ein Kooperationsprojekt der FH Düsseldorf, der Stadt Aachen und des Aachener Domkapitels. „Federführend“ für die FH Düsseldorf waren Prof. Dr. Wolfgang Dreßen und die „Arbeitstelle Neonazismus“.

Die Ausstellung erzählte in historischen Objekten und in Werken zeitgenössischer Künstler von einer Reise: Im Jahre 797 brach eine Gesandtschaft auf, um im Auftrag des fränkischen Königs Karl den Kalifen Harun al Raschid in Bagdad zu besuchen. Geleitet wurde sie von Isaak, von dem nur bekannt ist, dass er Jude war. Fünf Jahre später kam Isaak zurück, von Bagdad über Jerusalem, Nordafrika nach Europa, und brachte einen weißen indischen Elefanten als ein Gastgeschenk nach Aachen.

Was machte eine Ausstellung über eine solche Reise im Jahre 2003 so wichtig? Die Ausstellung berichtete von Bagdad, einer Stadt von damals etwa 1,5 Millionen Einwohnern, einer Handelsmetropole mit Beziehungen bis nach China. In dieser Stadt residierte der jüdische Exilarch, zuständig für alle Juden außerhalb Palästinas. Die jüdischen Akademien wurden von Juden auch aus Europa besucht. Der Kalif wiederum war zuständig für alle Muslime. In Bagdad wohnten auch Christen, vor allem Nestorianer, die aus Byzanz vertrieben waren.

Weiterhin zeigte die Ausstellung „Jerusalem“, das Zentrum religiöser Utopien. Im muslimischen Felsendom ist der Stein zu besichtigen, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak, bzw. Ismael (so die Muslime), nicht opfern musste. Diese Abschaffung des Menschenopfers steht am Beginn einer Aufklärung, die bisher nicht gelungen ist. In Aachen, dem dritten Ausstellungsteil, lebten um 800 etwa 500 Einwohner. Franken: ein Entwicklungsland, das voller Bewunderung in den Osten blickte. Sogar die Steine des Aachener Kaiserthrones stammen aus Jerusalem. Unser Eurozentrismus, der schon in den Schulen beginnt, hat diese Beziehungen vergessen. Denn der „Osten“ war und wird als die Quelle von Gefahren wahrgenommen, von dem man meint, sich abgrenzen zu müssen.

Die Arbeit an dieser Ausstellung begann an der FH Düsseldorf bereits 1996. Aber erst im Jahr 2000 stimmten die Stadt Aachen und das Domkapitel dem Ausstellungsplan zu. Schließlich wurde zwischen der FH Düsseldorf, der Stadt Aachen und dem Domkapitel Aachen ein Kooperationsvertrag geschlossen.

Die „üblichen“ privaten Sponsoren in der Stadt Aachen lehnten zum größten Teil eine Unterstützung ab. Dies hat sich dann bis zum Ausstellungsbeginn auch nicht geändert. Die Stadt sah in der Ausstellung aber eine Chance für ihr Marketing, das Domkapitel erhoffte sich einen innerreligiösen Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen.

Die Arbeitsstelle Neonazismus an der FH Düsseldorf hatte diese Ausstellung aus einem anderen Grund geplant. Fremdenfeindlichkeit ist nicht zu überwinden, wenn die „Fremden“ nicht bekannt sind. Bloße Toleranz bleibt gefangen in einem eurozentrischen Hochmut, wenn der „Andere“ nicht begriffen wird als eine Aufforderung, von ihm zu lernen und die eigene Identität zu hinterfragen. Diese Ausstellung über ein historisches Thema wurde auch als eine Ausstellung über die Gegenwart gesehen.

Rulah Halawani, Negative Incursion – Einmarsch der israelischen Armee in Ramallah, 2001

Hier eröffneten sich von Beginn an zwischen den Kooperationspartnern Widersprüche in der Ausstellungsplanung, die nicht ausgeräumt werden konnten. Für die „Arbeitsstelle Neonazismus“ ging es nicht um den Profit des Aachener Einzelhandels, sondern um die vielen in Deutschland lebenden Menschen „ex oriente“. Keine gegenseitige Bestätigung religiöser Positionen sollte erreicht werden, sondern eine säkulare Sicht auf die Religionen sollte vor den Gefahren einer Verbindung von Religion und Politik warnen.

Trotzdem ist eine Ausstellung zustande gekommen, die zwar diese Widersprüche nicht verleugnete, aber in Aachen, an dem Ort eines abendländischen Reichsmythos, darauf aufmerksam machte, dass unsere Identität nicht allein aus einem westlichen „Ursprung“ begriffen werden kann. Es gelang auch, eine Romantisierung zu vermeiden, eine Sehnsucht nach einem heilen Mittelalter. Es wurde kein Disneyland einer Welt aus „1001 Nacht“ gebaut.

Die Ausstellung wollte Grenzen überschreiten, unsere eigenen kulturellen und individuellen Grenzen. Deshalb mußten Grenzen auch dargestellt werden. Grenzen werden besonders kenntlich in unseren eigenen Tabus.

Schon im Vorfeld der Ausstellung wurden allerdings Grenzen aufgerichtet. Auf der Internetseite der Ausstellung forderten unterschiedliche Links zu den Konflikten in Europa und im Nahen Osten dazu auf, über die Tabus der verschiedenen politischen Lager zu diskutieren. Von staatlicher Seite wurde dies unterbunden, mit der Drohung, jede weitere finanzielle Unterstützung zu entziehen. Ein bestimmter „muslimischer“ Link sei „antisemitisch“.

Hier wurde sehr schnell deutlich, wie sehr das Thema der Ausstellung mit der deutschen Geschichte verbunden ist. Aus einer versuchten Verdrängung der Vergangenheit wird der antisemitische Rassismus in einen philosemitischen Rassismus umgewandelt, der Diskussionen über die Situation im Nahen Osten verhindert. Damit wird zugleich ein Feindersatz angeboten: der gefährliche „Islamist“. Erfreulich ist, dass im Ausstellungsteil „Jerusalem“ einige Werke zeitgenössischer israelischer und palästinensischer Künstler gezeigt werden konnten, die sich mit der israelischen Besatzungspolitik auseinandersetzen.

Es scheint nur ein Widerspruch zu sein, wenn die Frage, was wäre aus den Nachfahren Isaaks geworden, sollten sie im 20. Jahrhundert immer noch in Aachen gelebt haben, kaum erwünscht war. Immerhin wurde in einem eher abgelegenen Teil der Ausstellung diese Frage beantwortet: Zu sehen waren Versteigerungslisten, aus denen hervorgeht, wie sich die Aachener an dem Hab und Gut der deportierten Aachener Juden bereichert haben.

Der gewünschte innerreligiöse Dialog der drei monotheistischen Religionen setzte dann schließlich selber Grenzen: Von kirchlicher Seite wurde ein Video bemängelt, auf dem der israelische Künstler Eyal Sivan Jerusalem aus säkularer Sicht analysiert. Diese kritische säkulare Sicht auf alle drei monotheistischen Religionen und ihre jeweilige Rolle in Jerusalem war nicht erwünscht. Das Video musste aus der Ausstellung entfernt werden.

Lessings „Nathan“ wird im Zusammenhang der Ausstellung gerne zitiert, nur steckt dahinter meist ein Missverständnis: Als wenn es im „Nathan“ um einen innerreligiösen Dialog ginge, stattdessen wird gerade die Intoleranz der monotheistischen Religionen kritisiert.

„Ex oriente“ hat trotz dieser Schwierigkeiten Diskussionen angestoßen, die bisherige Identitäten anzweifelt. Der Besucherandrang war weitaus größer als erwartet. Solche Grenzüberschreitungen werden allerdings nur gelingen, wenn Isaak und sein Elefant weiterwandern und sich nicht in einer ausschließenden Heimat niederlassen.

In der Arbeitstelle Neonazismus an der FH Düsseldorf werden deshalb die Ausstellung und ihre Rezeption aufgearbeitet. Ein erstes Projekt ist bereits daraus entstanden. Ende September 2003 diskutierten Teilnehmer aus Deutschland, Israel und Palästina über die deutsche Vergangenheit und den Nahostkonflikt. Geplant ist ein gemeinsames Projekt der palästinensischen Bir-Zeit Universität, der Hebrew Universität Jerusalem und der Fachhochschule Düsseldorf über die Tabus in den jeweiligen Gesellschaften.

-Aktion 3

-ex-oriente

-Spuren der Vergangenheit

-Kunstpädag. Begleitprogramm